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Castel Sismondo

EINE STADT FÜR DEN HOF

Castel Sigismondo 1437 - 1446 - Rimini Von dem großen malatestianischen Gebäude aus dem 13. Jahrhundert, das sich in der Nähe des Tors “Porta del Gattolo” befindet, bleiben, wie schon erwähnt, nur wenige und unsichere Reste über, die ins Schloß eingebaut sind, das Sigismondo Pandolfo Malatesta im 15,Jahrhundert errichten ließ und von dem nur der innere Kern erhalten ist. Die heutige Situation des Schlosses ist weniger den beachtlichen Veränderungen während des 17. Jahrhunderts (als man versuchte, es an eine moderne Festung anzugleichen) oder den verwüstenden Bombardierungen des letzten Krieges zuzuschreiben, sondern viel mehr den Beschädigungen des letzten Jahrhunderts (1826), die zur Zerstörung der Außenmauer und der äußeren Bollwerke, zur Schließung der Gräben und zum Umbau in einen Kerker geführt haben.

Castel Sigismondo, Wappen über dem HauptportalSigismondo begann den Bau des Schlosses am 20. März 1437, dem vorletzten Mittwoch der Fastenzeit, um 18.48: Tag, Stunde und Minute waren möglicherweise von einem Horoskop festgesetzt worden, das die Hofastrologen sorgfältig bestimmt hatten. Er verkündete die offizielle Fertigstellung im Jahre 1446, ein besonders glückliches Jahr für ihn: in Wirklichkeit jedoch fuhren die Arbeiten bis 1454 fort. Es ist möglich, daß das Schloß niemals gemäß des Originalplans fertiggestellt wurde, denn dieser sah vor, daß das Gebäude von einer großen Festung beherrscht werden sollte.

Die Malatestianischen Herrschaften erfreuten sich 1437 eines beachtlichen wirtschaftlichen Wohlstandes, und Sigismondo, der gerade einmal 20 Jahre alt war, aber schon seit 3 Jahren Gonfalonier der Kirche war, erfreute sich einer persönlichen Berühmtheit als Feldherr (was ein großzügiges Gehalt mit sich brachte). Das Schloß wurde gleichzeitig als Palast und Festung angesehen, als würdiger Sitz des Hofes und zur Abdichtung, sowie als Zeichen der Macht und Vorherrschaft über die Stadt. Um es zu erbauen und um sich rundherum Respekt, der für seine Funktionalität notwendig war, zu schaffen, wurde ein dicht bebautes Viertel zu Boden gemacht, das auch den Vescovado (Bischofspalast), ein Konvent und das Baptisterium der nahegelegenen Kathedrale enthielt, deren Glockenturm gestutzt wurde. Als Architekt des Werkes wurde von den Hofschriftstellern Sigismondo selbst gefeiert, der sich tatsächlich auch in den großen Marmorinschriften in den Mauern des Gebäudes die Vaterschaft zuschreibt. Wenn man unter Architekt Ideengeber, Ideator und Koordinator versteht, d.h. also ein Auftraggeber mit ganz genauen Forderungen und Ideen, dann kann man diese “Zuschreibung” akzeptieren: es sind in der Tat die überzogene Neigung Sigismondos zur Kriegskunst und seine Erfahrung als Feldherr bekannt. Aber in jedem Falle wird er sich dem Werk verschiedener Spezialisten bedient haben; man weiß von einer wichtigen Beratung gegen Beginn derArbeiten durch Filippo Brunlelleschi der sich im Jahre 1438 für ein paar Monate in Rimini aufhielt und eine ganze Reihe von Besichtigungen der wichtigsten malatestianischen Festungen in der Romagna und den Marken unternahm. Um eine Vorstellung über die Originalform des Schlosses zu bekommen, muß man heute auf die Münzen zurückgreifen, die Matteo de’ Pasti zur Feier der Erbauung schmelzen ließ, sowie auf einen Ausschnitt des Freskos von Piero della Francesca im Tempio Malatestiano, die das Projekt exakt wiedergeben; außerdem gibt es eine Seite des “De Re Militari” von Roberto Valturio, die der Beschreibung und Verherrlichung dieses Werkes und Sigismondos gewidmet ist. Der äußere Verlauf des Schlosses breitete sich auf der heutigen Piazza Malatesta bis zur Hinterseite des Theaters aus dem 19. Jahrhundert aus.

Plastische Rekonstruktion und Plan des Castel Sigismondo (18. Jahrhundert)Wenn auch sehr reduziert, besitzt die Konstruktion heute noch beachtlichen Charme, durch seine großBen quadratischen Türme und die gewaltigen Mauern, deren Originaleffekt, als sie noch von den tiefen Mauergraben aufragten, wahrhaftig formidabel gewesen sein muß. Roberto Valturio verglich die Mauern, aufgrund ihrer Neigung und ihrer Großartigkeit, nicht umsonst mit Pyramiden. Der Eingang zur Stadt hin, dem ein Erdwall und ein doppeltes Außenwerk mit Zugbrücken vorran ging, wird vom Wappen geschmückt, das aus einem klassischen Schild mit Bändern im Schachmuster besteht. Über dem Wappen befindet sich ein Helm in Elefantenkopfform, der von einer vierblättrigen Rose eingerahmt wird: es handelt sich hierbei um ein Relief von Pisanellianischer Inspiration und von guter Qualität, das wahrscheinlich von einem Künstler aus Venetien gehauen wurde, wie die Akzente mit gotischer Tendenz auf der Abbildung beweisen. Links und rechts des Wappens steht in kleinen, hohen und malerischen Gotikbuchstaben geschrieben ”Sigismondo Pandolfo”. Zwischen Wappen und Marmorportal ist eine der Widmungsinschriften des Schlosses eingemauert, die einen feierlichen lateinischen Text mit Steinhauerbuchstaben enthält (eines der ersten Beispiele für die “Wiedergeburt” der klassischen Schriftzüge): der Text sagt aus, daß Sigismondo im Jahre 1446 das Gebäude von den Fundamenten an zum Schmuck Riminis erbaut und bestimmt hat, daß es nach seinem Namen benannt wurde: Castel Sismondo. Die Dreistigkeit Sigismondos, das Gebäude als “ariminensium decus” zu bezeichnen, ist erstaunlich, denn man muß nur die Stellung der Türme, die alle Stadtwärts gerichtet sind, betrachten, um zu verstehen, daß das Gebäude zur Verteidigung gegen eventuelle Aufstände seitens der Einwohner von Rimini gedacht war, und nicht zur Verteidigung Riminis vor äußeren Gefahren: als würde für Sigismondo die Erinnerung an die seltenen Aufstände der Vergangenheit den drohenden Gefahren durch äußere Feinde überwiegen. Auch wenn man das damalig aktuelle Konzept der Identifikation der Stadt und des Staates mit der Herrschaft vor Augen hält, muß Castel Sismondo doch tatsächlich als Symbol und Verteidigung der persönlichen Macht des Stadtoberhauptes und nicht als Symbol und Verteidigung der Stadt und des Staates gesehen werden.Plan des Castel Sigismondo (18. Jahrhundert)

Von dem Gebäude stechen besonders der große Umfang, der kräftige Aspekt und die unregelmäßige Form ins Auge. Einige der Unregelmäßigkeiten lassen sich mit der Notwendigkeit oder Nützlichkeit erklären, schon bestehende Strukturen auszunutzen; jedoch ist dies nicht für alle der Fall: z.B. die Position der Türme kann höchstens teilweise davon abhängen und ist eher als früher und daher etwas unsicherer Versuch zu interpretieren, ein Abwehrsystem mit Schieß- und Observierungsposten zu schaffen, die sich gegenseitig ergänzen und unterstützen sollten – eine für besonders wichtig empfundene Notwendigkeit, seitdem eine neue und schreckliche Waffe in Funktion getreten war: die Artillerie.

Jedenfalls mußte das Schloß für Sigismondo, abgesehen von allem anderen, sichtbar eine Festung der Macht repräsentieren, nach einem noch völlig mittelalterlichen Konzept, das notwendigerweise in traditioneller Form realisiert worden war, d.h. eher auf expressionistisch-pittoreske als auf rationell harmonische Weise, wie die veränderliche Perspektive der Türme, die kompakte Beschaffenheit der verzinnten Mauern, die konstante Verwendung von Spitzbogen und Zugaben aus Stein und Keramik beweist. Weitere Beispiele dafür sind der Aufwand an Vergoldungen und Wandfarben in grün und rot (die malatestianischen Wappenfarben), die von den Schriftstellern beschrieben werden, die Gewundenheit der inneren Gänge, die Irrationalität, mit der einige Räume positioniert waren und wahrscheinlich auch der Mangel an großen Repräsentanzsälen. Sigismondo starb in diesem seinen über alles geliebten Schloß am 9. Oktober 1468; es ist nicht bekannt, ab wann er begonnen hatte, dort fest zu wohnen, aber vermutlich schon ab 1446. Schon sehr früh waren im Schloß Schreibamt und Wachen vorhanden, und von Anfang an war es zum Ort der Feste, Bankette, Empfänge geworden: es hatte sich sofort in eine exklusive Stadt für den Hof verwandelt, die damals reich an Dichtern und Musikern, Literaten und Gelehrten, Malern und Münzschmelzern, Bildhauern und Architekten war, die aus allen,Teilen Italiens kamen. Eine kleine künstliche Stadt, kosmopolitisch und sorglos, mit nur wenig Verbindung zur realen Welt, welche sich jenseits ihrer Mauern und Gräben, zwischen Marecchia-Fluß und Meer, ausbreitete und sich mit tausend Problemen befaßte. Eine unmittelbar nach dem Tod Sigismondos verfaßte Inventarangabe, in einem Moment also der besonderen Trauer und Verlassenheit, vermittelt eine Vorstellung von der Einrichtung des großen Gebäudes: Tische, Bänke und Truhen, Betten und Schränke, Wandteppiche und Stoffe wurden von einem Notar angemerkt und aufgezählt, der fleißig kleine und große Räume durchquerte und erforschte, welche plötzlich leer und still geworden waren. Teilweise trugen die Räume Namen, die den jeweiligen Wanddekorationen entsprachen (Saal der Blumenkränze, des Todes, des Jesuskreuzes). In den Truhen und Schränken waren Bücher und Schriften, Schmuck und Kleidungsstücke von merkwürdiger Form und zum Teil wertvolle Stoffe, Decken und Wäsche untergebracht. In den Abstellräumen befanden sich Waffen, Fahnen, Feldzelte und Banner, Pferdegeschirr und Hundehalsbänder, Geräte für die Jagd (Pfeil und Bogen) und für den modernen Krieg (Steinschleudern und Bombarden), alles ist verlorengegangen. Das einzig authentisch-malatestianische Überbleibsel ist eine kleine Truhe aus Zypressenholz aus der Mitte des letzten Jahrhunderts, die reich verschnitzt und neben anderen Dekormotiven mit dem Wappen von Sigismondo versehen ist und die sich heute im Stadtmuseum befindet.
Münze von Matteo de'Pasti mit Portrait von Sigismondo Malatesta und Darstellung von Castel Sigismondo (1450)   Münze von Matteo de'Pasti mit Darstellung von Castel Sigismondo (1450)

Zur Zeit werden in Castel Sismondo Restaurierungsarbeiten durchgeführt, von denen man hofft, daß sie das Gebäude bald wieder zugängig machen, d.h. im Laufe von einigen Jahren. Bis jetzt wird nur der östliche Teil des Schlosses benutzt, der “Isotta-Flügel” genannt wird und seit 1988 provisorisch das Museum für extraeuropäische Zivilisation beherbergt (es handelt sich hierbei um eine 1974 und 1980 von der Gemeinde Rimini erstandenen Sammlung, die aus mehreren hundert Objekten aus Afrika, Ozeanien und Amerika besteht). Die Restaurierung hat es bereits ermöglicht, verschiedene vorherbestehende Bauwerke zu identifizieren; besonders rilevant ist dabei die Wiederfindung der römischen Stadtmauerreste mit einem Stadttor, das genau in die Fundamente des Schlosses eingebaut ist: es handelt sich vermutlich um eine “porta montanara”, ein Bergtor, das zur Zeit des Mittelalters am selben Punkt, aber auf höherem Niveau, ersetzt wurde durch ein anderes Tor, das “del gattolo” genannt wurde und daß das ganze 13. Jahrhundert lang zum Bischofspalast gehörte, d.h. bis es in die Hände der Malatesta fiel, die dort in der Nähe ihre Häuser hatten.