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Der Malatesta Tempel

Malatesta Tempel in Rimini - Tempio Malatestiano

TEMPIO MALATESTIANO

zur Bewunderung der Zeitgenossen und
zur Hochschätzung der Nachwelt

Einzelheit der Außenfassade des Tempio Malatestiano in RiminiZehn Jahre, nachdem Sigismondo die Erbauung des Schlosses in die Hand genommen hatte und es nach seinem Namen benannt hatte, begann er, sich eine Familienkappelle in der Kirche errichten zu lassen, die seine sämtlichen Vorgänger als Begräbnisort gewählt hatten: San Francesco. Obwohl sie zu Beginn des 14. Jahrhunderts von Giotto ausgemalt worden war, wies die Kirche eine bescheidene Architektur auf (ein einziges Hauptschiff mit drei Absiskapellen) und befand sich in einer eher außerhalb gelegenen Position, auch wenn sie in der Nähe der antiken Piazza del Foro lag, dem römischen Stadtkern (die heutige Piazza Tre Martiri).

Skulpturen von Agostino di Duccio im Tempio MalatestianoDie neue Kappelle hatte eine einfache und absolut traditionelle Struktur, mit einem großen, offenen Gotikbogen an der rechten Seitenwand der Kirche, einem Kreuzgewölbe und hohen, engen Fenstern.

Schon bald wurde neben die Kappelle eine zweite gebaut, gleichfalls einfach und traditionell, auf den Wunsch der jungen Geliebten Sigismondos, Isotta degli Atti. Wahrscheinlich bestand das Modell für beide Kappellen in einer malatestianischen Familienkappelle, die im vorangehenden Jahrhundert auf der selben Seite der Kirche, in der Nähe der Absis erbaut worden war. Die Mauerarbeiten, die mehr als 3 Jahre andauerten, haben vermutlich eine starke statische Zerrüttung des alten Gebäudes verursacht, welches Sigismondo auf seine Kosten ca. 1449 komplett umbauen ließ.Skulpturen von Agostino di Duccio im Tempio Malatestiano

Der architektonische Teil der Arbeiten wurde Matteo de’ Pasti, dagegen der Teil der Bildhauerkunst Agostino di Duccio anvertraut, während man begann, in Florenz einen guten Maler zu suchen, der sich mit der malerischen Dekoration und den Fresken beschäftigen sollte. Matteo de’ Pasti war bei den Estensi in Ferrara angeworben worden; es handelte sich um einen Miniaturmaler und Medaillenkünstler aus Verona, der bei Pisanello in die Schule gegangen war und daher eine spätgotische Ausrichtung besaß, die auf perfekte Weise dem malatestianischen Geschmack entsprach. Agostino di Duccio kam aus Venedig, war jedoch ein florentinischer Schüler Donatellos und dennoch von raffinierter gotischer Tendenz. Man verdankt den beiden Künstlern sowie auch den Vorschlägen der Humanisten des Hofes die innere Gestaltung des Gebäudes, die sich malerisch und prachtvoll präsentiert. Die Gestaltung paßt sich im großen und ganzen dem gotischen Geschmack des Hofes für die Darbietung des Prunks, des Reichtums und der raffinierten, elitären Kultur an, welche oft profan erscheint und in der die Schmeichelei Sigismondos als Stadtherr, Feldherr und Mäzen eine wichtige Rolle spielt.

Malatesta Tempel in Rimini - Tempio MalatestianoFür die äußere Architektur sorgte dagegen Leon Battista Alberti, der ca. 1450 eine Marmorverkleidung von ganz neuem Konzept realisierte, die ganz unabhängig von der inneren Gestaltung des Gebäudes war. Jeglichen gotischen Ton und dekorativen Akzent verbannend, wendete sich Alberti ganz bewußt der antiken römischen Architektur zu, aus der er einige Elemente verwendete und versuchte, das eigentliche Konzept der Architektur als höfische Zelebrierung des Menschen und Verherrlichung seines intellektuellen Adels herauszustellen. Leider blieb das Gebäude genau in seinem originellsten und bedeutungsvollsten Teil unvollendet, nämlich der Absis, die wie eine runde Kuppel vorgesehen war und die vielleicht die stilstische, heute widerspruchsvolle Dissonanz zwischen Innen- und Außengestaltung aufgelöst oder zumindest in Ordnung gebracht hätte. Um eine Vorstellung über das Projekt Albertis zu gewinnen, kann man die von Matteo de’ Pasti geschmolzene Münze betrachten, die eine Doppelordnungs-Übersicht des Gebäudes und der großen Kuppel am Ende des Kirchenschiffs bietet. Die Arbeit Albertis, mit seiner Ausarbeitung der antiken Formen, wenn auch größtenteils selbsterfunden und an moderne Bedeutungen angepaßt, rechtfertigt voll und ganz den Namen Tempio (Tempel), den diese christliche und franziskanische Kirche seit dem 15. Jahrhundert trägt.

Das gesamte Gebäude erhebt sich aus einem Sockel, der mit einem Band gekrönt ist, auf dem viele malatestianische Wappenelemente vorhanden sind; vom ältesten Wappen, dem Band mit Schachmuster, bis zum Wappen mit der vierblättrigen Rose, dem Monogramm von Sigismondo (Sundi) und dem Elefanten. Der Elefant läßt sich oft in der inneren Dekoration des Gebäudes wiederfinden, Pfeiler und Sarkopharge stützend, die traditionellen Wappen schmückend und den Sitz für die Statue des heiligen Sigismondo formend: es ist ein symbolisches Tier mit vielen Bedeutungen und war eines der Lieblingstiere Sigismondos sowie seines Bruders Malatesta Novello, der ihm das folgende Motto nachsagte:

Sigismondo Pandolfo Malatesta, vor dem Heiligen Sigmund kniend (1451), Fresco von Piero della Francesca im Tempio Malatestiano

“Den indischen Elefanten schrecken die Mücken nicht”. Jedoch, bevor man den Tempio betritt, sollte man seine Seiten betrachten, die außergewöhnlich streng und harmonisch und dabei so einfach gestaltet sind und von einer Reihe von Marmorpfeilern und -bogen geformt sind, unter denen die Sarkopaghe der berühmten Persönlichkeiten des Hofes angebracht werden sollten (doch nur an der rechten Seite wurde dieses Projekt teilweise verwirklicht). Der Maler, den Sigismondo 1449 suchte und den er bei Giovanni de’ Medici anfragte, wurde gefunden: es war Piero della Francesca, aber es wurde ihm nicht gestattet, bei großen Arbeiten Hand anzulegen. Dennoch bleibt von ihm ein außergewöhnliches Fresko, das in der kleinen Sakristei zwischen den ersten beiden malatestianischen Kapellen versteckt ist; es zeigt Sigismondo Pandolfo Malatesta, der vor dem heiligen Sigismondo, dem König von Burgund, kniet. Es handelt sich hierbei um eine als Thema absolut traditionelle devote Szene, mit dem Stadtherrn vor seinem Schutzheiligen. Aber Piero interpretierte dieses Thema auf ganz und gar neue Art: neu in den Inhalten, aufgrund der absolut freien, natürlichen und “laienhaften” Beziehung, die die Figuren verbindet, die von einem ruhigen Licht und einem rational konstruierten Raum umgeben sind; Rückseite einer Münze Sigismondos mit dem Tempio Malatestiano nach dem Projekt vo Leon Battista Alberti. Stadtmuseumneu in den Formen, die einfach, regulär und harmonisch sind und die, wie noch nie zuvor fähig sind, die Menschlichkeit und die Würde der Persönlichkeiten lobzupreisen, ihren intellektuellen Adel, ihre äußere Schönheit. Sie sind fähig, göttliche und weltliche Macht in einem Konzept von Würde und Rationalität zu vereinigen, die den heiligen König und den devoten Auftraggeber verbinden. Die helle albertianische Tempelverkleidung war noch nicht begonnen, als Piero della Francesca sein Fresko unterzeichnete (1451), das für Rimini und die Romagna das erste Manifest der ‘echten” Renaissance bedeutete; ein Manifest, das, während es dem Prinz schmeichelte, die Gelehrten aufforderte, einen Hauch von Menschlichkeit in ihre harten Nachforschungen zu bringen, und das eine utopische, von Vemunft bestimmte und von Poesie unterstützte Zukunfti ankündigte.

Skulpturen von Agostino di Duccio im Tempio MalatestianoMöglicherweise war der Hof von Rimini nicht sehr interessiert am verzauberten Schweigen und den meditierten Pausen des Stils von Piero della Francesca, und wahrscheinlich auch nicht an der Vorankündigung neuer Zeiten, die dieser Stil beinhaltete. Man schrieb viel eher den Damen, Edelknaben, Rittern, Musikern, improvisierten Dichtern, die während der häufigen Abwesenheit Sigismondos dem Leben im Schloß und in den malatestianischen Gebäuden einen vergnüglichen und brillianten Ton gaben, die gotische Phantasie und die traditionelle Pracht zu, welche in den Skulpturen der Kapellen im Tempel triumphiert, mit Paradeschildern und Girlanden, Festschriften, die von Säulenbalken herabhängen, festlich bemalte Stoffe und Tücher auf den Grabstätten: eine Art von “vergänglichen” Schmucks, der sich plötzlich, wie auf magische Weise versteinert hat.Skulpturen von Agostino di Duccio im Tempio Malatestiano

In diesem Umfeld erhalten die sehr feinen Basreliefs von Agostino di Duccio eine extreme Kostbarkeit und Eleganz. Freundliche Putten scherzen miteinander und laufen sich nach; Engelskinder singen und spielen klangvolle Lieder; Virtù und Sybille bewegen sich auf weiche Art, um ihre Symbole und ihre eleganten Tuchkleider zu zeigen; Apollo und die Musen, die Sterne und Konstellationen formen eine pittoreske Gruppe, mit unglaublichen, exotischen Kostümen (bis auf die Venus, die unbekleidet ist und zwischen einem Taubenschwarm über dem Meer triumphiert). Man kann dies alles mit der traditionellen Religion erklären, selbst die merkwürdigen zodiakalischen Zeichen, die nicht etwa vorhanden sind, um verrückte Horoskope zu erstellen, sondern einfach, um die Perfektion des von Gott geschaffenen Firmaments lobzupreisen. Jedoch bedarf es nur ein wenig Bosheit, um ringsherum Heidenturn und Atheismus zu sehen. Auf diese Weise erklärte Pio II., ein verschworener Feind Sigismondos, daß diese Kirche voll von heidnischen und profanen Elementen sei, und rechnete sie zu Ungunsten des Stadtherrn von Rimini an. Innenansicht des Tempio Malatestiano mit Jesuskreuz von GiottoSigismondo hatte ganz deutlich in den griechischen Inschriften an den seitlichen Außenmauern erklärt, daß die Kirche dem “unsterblichen Gott und der Stadt” aufgrund der gemiedenen Gefahren und der im Krieg (“guerra italica”) errungenen Siege gewidmet sei.

Innenansichten des Tempio MalatestianoEs ist sicher schwierig, sich vorzustellen, daß eine solche finanzielle Investition, die fast an Größenwahn grenzt, von Sigismondo aus purer Religiösität oder aus uneigennutzigem Mäzenatentum unternommen wurde. Das Mäzenatentum war und ist niemals ohne Interessen; im 15. Jahrhundert war es wichtiger Teil der Regierungsstrategie, es hatte den Zweck, die Zustimmung der Untertanen und Institutionen zu steigern, das eigene Prestige im Inneren und Äußeren des Staates zu bekräftigen und die Achtung (und möglichst auch den Neid) anderer Höfe zu erlangen; aber auch, um mit Bewunderung von der Nachwelt erinnert zu werden. Die Unsterblichkeit, die die Herrschaften und Humanisten des 15. Jahrhunderts anstrebten, war ein unvergänglicher Ruhm in der Geschichte der Menschheit, und nicht etwa die seltene Ewigkeit der Divinität.

Innenansichten des Tempio MalatestianoAm Tempio Malatestiano wurde bis Ca. 1460 gearbeitet, als die Feindseligkeit gegen Sigismondo anwuchs, welcher zwar ein wertvoller Feldherr, aber auch ein sehr schlechter Politiker war. 1461 kamen die wirtschaftlichen Schwierigkeiten und die päpstliche Absage, dann die Niederlage und Verkleinerung des Staates (1463); und somit blieb das große Gebäude für immer unvollendet. Heute noch macht die Unvollständigkeit, die sehr deutlich sowohl von außen als auch von innen sichtbar ist, das Unglück Sigismondo offensichtlich und erklärt die grundlegende Zerbrechlichkeit seiner Macht, die Jnkonsistenz seiner ehrgeizigen Ruhmesträume. Und daher kann man den Tempio als Traum betrachten, als unterbrochenen Traum: für Sigismondo, der aus ihm einen wundervollen Tempel zur Preisung Gottes und der Stadt und, vor allem, zur Unsterblichmachung seines Namens und seiner Dynastie zaubern wollte; für Leon Battista Alberti der aus ihm ein Monument zur Lobpreisung des intellektuellen Adels des Menschen machen wollte; und für den Humanismus der dachte, die dramatischen Widersprüche der Zeit könnten sich hinter einem Vorhang von intelligenten kulturellen Wiedererlangungen und raffinierten Kunstwerken verstecken.